20.08.2019

Schlafe, schlafe, Hafen

Es gibt Menschen, die Bücher oder Elefanten oder Löffel sammeln, und es gibt die, die sich zusammentun, um Hafenkrane zu sammeln, oder verrostete Turbinen, Schiffböden, Kaffeesäcke, die nur noch aus Holzspänen befüllt sind, Lederkoffern von Einwanderern oder von vergesslichen Passagieren, die längst ins Grab gereist sind und den Grabboden von ihrem Knochenstaub bedecken, oder man sammelt Mischlingsschiffe mit Schornstein und Mast ohne Segel, oder Frachtewer mit Segel ohne Mast, die Kapitäne reuelos als erste verlassen haben. Es gibt also Menschen, die das Seeunnütz sammeln und sich erhoffen für die nachfolgenden Generationen einen Schatz aufbewahrt zu haben. Während die einen die Gegenstände zu Hause auf Regale verstauben lassen, oder akribisch jederzeit entstauben, oder hinter staubschützenden mehr oder weniger klaren schmutzigen Glastüren verstauen, kumulieren die anderen die Gegenstände in einem von der Stadt gesponserten Hafenlager auf Metallregale für Riesen. Draußen reihen sich Containerkrane, die längst keine Monster mehr sind und altersbedingt geschrumpft sind und hier ihre geretteten Tage verrosteten, so dass das „daruntergehen sich nicht ohne anfühlt; gegenüber sind noch lebende Schuppen, die vom Aussterben bedroht sind und die Gewürzgerüche in die Luft streuen / ausatmen, statt sie für die Küche sorgsam aufzubewahren.

Die einzig lebendigen Schreie kommen von den Möwen, die sich doch selten sichten lassen, vielleicht weil sie hier nichts lebendiges zu klauen haben, oder es kommen Schreie vom einzig wirtschaftlichen Teil des sterbenden Hafens, von den für Teamevents aufgepeppten Containerblaukrahn mit seinen springenden Bungee-krahn-Scheinkamikazen, die doch nicht in die schmutzige Elbe springen, sondern von einem Seil kurz davor aus der Süßwasserhafenluft herausgefischt werden.

Da lebt die Möwe, die sich im Schuppen 51 verstaut hat, um die sterbende Atmosphäre zu genießen und sich auf ihr Sterben vorzubereiten.

Bei Dämmerung traut sie sich heraus, trampelt auf dem Kai, kann längst nicht mehr fliegen, und sammelt Würmer, die sich wie sie verlaufen haben, – indem sie sie verspeist, erspaart sie ihnen das traurige Ende, hier einsam zu enden.

Als sie eines Nachts aufwacht und den Geruch des Kreuzkümmels nicht mehr erspürt, weiß sie, dass es definitiv so weit ist. Sie nimmt zwei Holzspäne und trägt sie zu ihrem Kreuz, erklimmt mit ihren beiden vergrauten narbengerillten Füsschen …. den blauen Containerkran, an der Fahrerkabine vorbei, erreicht die Spitze, oben, unter dem sternklaren Himmel betrachtet sie die Elbphilarmonie, ihren Backsteinboden, der von alten Kranen gehalten zu sein scheint, das Meer aus Glas und Fenstern, und den Wellenschaum aus Sonnenreflektoren, die das karge Mondlicht dieser Nacht wiederspiegeln, sie macht einen Schritt in die Hafenluft, schreit ihren letzten Schrei ohne vom Kranbungeekamikaze-Retterseil gerettet zu werden und auf ihrem weißgeschtreiften Flug ist sie in diesem Hafen die letzte fallende Sternschnuppe.

Hamburger Hafen



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