20.09.2018

Kafka - Subjontiv II

Er wird geritten sein.


Er wird gesattelt haben, das Pferd angespornt haben. Hinzureiten bis zum nächsten Dorf, mit Futter, Wasser und Leckerbissen.
Stiefel ran, Hut auf wird er die Mutterwange von seinen vollen Lippen bedruckt haben. Druck von der Vaterbrust auf die seine! Da wird er sich gewünscht haben, immer wieder losgeritten zu sein. Dem Großvater ein Augenzwinkern.
Schenkeldruck, Zügelschlag, Hii vom Pferd, los von ihm. Alles, ohne sich umgeschaut haben.
Die Beine rund, das Becken gekippt, die Landschaft rau, staubiger Wind.
Er wird losgeritten sein.

Die Nacht wird gekommen sein. Nichts wird gesungen haben. Nur der Wind wird lautlos gestreift haben. Himmel wird gepunket sein. Doch Horizont wird flach geblieben sein.
Morgengrauen. Kreisende Krähe, schlengernde Schlangen, hüpfende Mäuse, alles wird sich bewegt haben, nur die Linie am Horizont wird geblieben sein.
Steppe, das Getreide, die Landstraße.
Himmel wird sich gefärbt haben. Rotgraudüster. Alles wird gewandelt sein. Nur die Linie vorne wird geblieben sein.
Schneeweiß! Undurchsichtig wird alles geworden sein.
Die Linie wird er nicht mehr gesehen haben.
Frühjahrskälte, Frost im Pferdemund, auf Sträucher.
Vorne wird die Gerade wieder erschienen sein.
Er wird gewandert sein.

Variationen
Kafka: Das nächste Dorf (1919)
Mein Großvater pflegte zu sagen: „Das Leben ist erstaunlich kurz. Jetzt in der Erinnerung drängt es sich mir so zusammen, daß ich zum Beispiel kaum begreife, wie ein junger Mensch sich entschließen kann ins nächste Dorf zu reiten, ohne zu fürchten, daß — von unglücklichen Zufällen ganz abgesehen — schon die Zeit des gewöhnlichen, glücklich ablaufenden Lebens für einen solchen Ritt bei weitem nicht hinreicht.
Nacherzählung im Subjontiv II



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